Was sind Genesungsbegleiter*Innen?

Was sind Genesungsbegleiter*innen?

Zur besseren Lesbarkeit verwenden wir den Begriff Genesungsbegleiter*innen. Selbstverständlich sind auch die Angehörigenbegleiter, Angehörigenbegleiterinnen oder auch Peerberater*innen in männlicher wie auch weiblicher Ausprägung gemeint.

Der Begriff Genesungsbegleiter*in wird manchmal auch durch die Begriffe Peer-Berater*in, Peer oder EX-IN’ler*in ersetzt. Das Wort „Peer“ kommt aus dem englischen und beschreibt einen Menschen, der mit einem andern Menschen auf Augenhöhe spricht, weil er mit ihm auf einer Beziehungsebene steht. Im psychiatrischen Kontext beschreibt es einen Psychiatrieerfahrenen, der auf Grund der Erfahrungen mit seiner Erkrankung und dem psychiatrischen Hilfe-System einem anderen Menschen in seinem Erleben der Erkrankung auf gleicher Ebene begegnen kann und ihm auch signalisieren kann: Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels.

Ex-IN’ler sind unserer Meinung nach Menschen, die gerade den EX-IN-Kurs zum Genesungsbegleiter absolvieren.

Derzeit existiert kein anerkannter Beruf mit der Bezeichnung Genesungsbegleiter. Daher finden sich verschiedene Entwürfe für ein Berufsbild. Auf dieser und den folgenden Seiten wollen wir unsere Sicht darlegen, was ein Genesungsbegleiter ist.

Dieser Artikel behandelt die folgenden Themen:

  1. Vom ich zum Wir
  2. Mögliche Tätigkeiten
  3. Bezahlung
  4. Forschung über Genesungsbegleiter
  5. Evaluation
  6. Gesundheitspolitisch
  7. Literatur

Genesungsbegleiter*Innen sind Menschen, die Erfahrungen mit seelischen Erschütterungen und/oder dem psychiatrischen Hilfesystem gemacht haben.

Vom ich zum Wir

Grundlage ist das eigene Erfahrungswissen über die Erkrankung und den Genesungsweg. Dieses Wissen zu reflektieren, vorhandene Ressourcen zu wecken und wieder selbstbestimmend am Leben teilzunehmen sind oberste Prämisse und Aufgabe zugleich. Hinzu kommt, sich in den EX-IN-Kursen über das jeweils eigene Erfahrungswissen auszutauschen.

So entsteht aus dem Ich-Wissen ein Wir-Wissen.

Genesungsbegleiter*Innen sind in der Lage das eigene Erfahrungs- und Selbsterfahrungswissen zu reflektieren. Sie haben gelernt vom eigenen Erlebten zu berichten und können Lösungswege anregen und – wenn gewünscht – gemeinsam entwickeln. Sie können bei Bedarf als Fürsprecher, Zuhörer und/oder Begleiter auftreten.

Durch die Reflektion Ihrer eigenen Erlebnisse haben Genesungsbegleiter Stärken im Bereich Verständnis, Mitgefühl, Empathie, Akzeptanz und Menschlichkeit entwickelt. Sie haben die Aufgabe dem Gegenüber für seine Probleme den nötigen Raum und die nötige Zeit zu geben.

Mögliche Tätigkeiten können sein

Berufliche Tätigkeiten:

  1. Einzelfallbezogene Betreuung: Begleitung zur Nachsorge in die Eingliederungshilfe; Unterstützung und Begleitung bei der ambulanten Therapeutensuche

2.1  Moderation von Begegnungs- und Recovery-Gruppen + Co-Moderator von Gruppen der Psychoedukation; Gemeinsames Erarbeiten eines individuellen Krisenpass (Für Menschen, die sich nicht in Gruppen trauen, auch in der Einzelfallbezogenen Betreuung)

  1. Mittelbar patientenbezogene Tätigkeiten:

Fortbildung der klinischen Mitarbeiter aus der subjektiven Sicht des Psychiatrie-Erfahrenen (allein, aber auch gemeinsam mit einer Fachkraft als sogenanntes Tandem)

GB als Patientenfürsprecher und im Beschwerdemanagement

Bezahlung:

Deutschlandweit ist das im psychiatrischen Hilfesystem sehr unterschiedlich. In Hamburg sind eher die kleinen Stellen (Aufwandsentschädigung, 450€, bis zu 50% Stelle), während es Bundesweit öfter bei 75-100% Stellen im klinischen Sektor liegt. Die Bezahlung ist wie der Stunden-Umfang sehr unterschiedlich geregelt. Das geht von Pflegehelfer bis zur finanziellen Gleichstellung mit einem Erzieher. Gerade wenn GB eigenverantwortlich z.B. Gruppen anleiten, sollten sie unserer Meinung nach nicht nach einem Helfertarif vergütet werden, sondern sollten mindestens mit dem Erzieher gleichgestellt werden, da hier ein selbständiges Arbeiten, wie Gruppenvorbereitung, Durchführung und Nachbereitung ja ein grundlegender Unterschied zu den Pflegehelfern darstellt, die nur nach Anweisung Aufträge durchführen.

Forschungen über Genesungsbegleiter*innen

Zur Forschung:

Einige Arbeiten von Studenten (Bachelor und Master) finden Sie hier unter "Studienarbeiten zu Genesungsbegleitung" und bei LebensART (https://www.ex-in-lebensart.de/evaluation/)

Auch auf unserer Internetseite unter http://www.genesungsbegleiter.hamburg/index.php/genesungsbegleiter/studienarbeiten finden sich Master- oder Bachelor-Arbeiten zum Thema Genesungsbegleitung.

Beim UKE werden Genesungsbegleiter auch in der aktiven Forschung eingesetzt.

Gesundheitspolitisch sind Genesungsbegleiter eine kaum gesehen Berufgruppe. Zum einen liegt dies sicherlich an der fehelender beruflichen Anerkennung dieses "Berufsfeldes", zum Anderen ist Genesungsbegleitung immer noch weitgehend unbekannt. Da im Gemeinsamen Bundesausschuß auch Patientenvertreter sitzen, sind auch hier Menschen vertreten, die die Idee der Genesungsbegleitung so gut finden, dass sie sich für einen Einsatz von Genesungsbegleitern aussprechen.
Fazit dieser Bemühungen ist die Empfehlungsstärke B in der Leitlinie zur Behandlung psychisch schwerer Erkrankungen.
 
In Empfehlung 9 der Leitlinie heißt es:
 
"Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sollte Peer-Support unter Berücksichtigung ihrer Wünsche und Bedarfe zur Stärkung des Recovery-Prozesses und zur Förderung der Beteiligung an der Behandlung angeboten werden." https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/038-020.html
 

Evaluation

Zahlreiche Studien aus dem In- und Ausland belegen die positiven Effekte, die Genesungsbegleitung mit sich bringt.

So belegt eine Studie von Lloyd-Evans aus 2014, dass Genesungsbegleitung besonders bei Depressionen und Anstsymptomatiken hilfreich ist und positive Effekte auf Recovery, Hoffnung, Empowerment und Lebensqualität hat. Eine Studie von Fuhr aus 2014 gelegt positive Wirksamkeit auf die Hoffnung und das Gefühl einer besseren Lebensqualität.

Anderen Studien kommen zu dem Schluß, dass Stationäre Behandlungsdauer durch Genesungsbegleitung gesenkt werden kann und sich die Zeitspanne zum nächsten Rückfall verlängert (Chien und Chan bzw Chien und Thompson). Es gibt sogar Belege, dass das die Inanspruchnahme von Hilfen beim Hausarzt und Arzt-/Patientenbeziehung verbessert werden (Kelly et al). Die selbe Studie zeigt auch eine positive Einstellungen gegenüber der Wichtigkeit der eigenen Gesundheit.

Die folgende Tablle zeigt die Studien und die postiven Effekte durch die Genesungsbegleitung im Vergleich zur einer Gruppe ohne den Einsatz von Genesungsbegleitung. Aus allen Studien lassen sich positive Effekte ableiten.


Studie Positive Effekte durch Genesungsbegleitung
 Loyd-Evans 2014 erhöhte Effekte auf Recovery
   vermehrte Hoffnung
  Gefühl verbesserter Lebensqualität
 Fuhr 2014 vermehrte Hoffnung
  Gefühl verbesserter Lebensqualität
 Mahlke Selbstwirksamskeitserleben
 Kelly et al. verbesserte Gesundheitsbezogene Einstellung
  bessere Inanspruchnahme Hausärztlicher Versorgung
  Verbesserung der Arzt- / Patientenbeziehung
Chien und Chan Psychosoziale Funktion verbessert
  verminderte Symptomschwere
  verkürzte stationäre Behandlungsdauer
Chien und Tompson geringeres Rückfallrisiko
  verkürzte stationäre Behandlungsdauer
Morris et al. Psychosoziale Funktion verbessert
  geringeres Rückfallrisiko
  kürzere stationäre Behandlungsdauer

 

Alles in Allem läßt sich mit den Worten von Doktor Thomas Becker (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Ulm) sagen:

Peer-Arbeit ist ein vielversprechender Ansatz für die betroffenen
Nutzer, der zudem das Potenzial hat, die psychiatrische
Versorgung im Sinne der Recovery-Orientierung zu verbessern.
 

Literatur

Buch "Mit Peers arbeiten"

Buch "Experten aus Erfahrung"

EX-IN Genesungsbegleitung


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Dieser Artikel und das herunterladbare PDF sind (C) Genesungsbegleitung und Peerberatung Hamburg GBPH e.V.

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