Bericht: "Eingliederungshilfe als Ausgliederungshilfe??!"

Eingliederungshilfe als Ausgliederungshilfe ??!

Die Tagung fand am 20. Januar 2020 im Hamburg-Haus in Hamburg-Eimsbüttel statt. Eingeladen hatte der Initiativkreis ASP. Die kritische Auseinandersetzung mit der in Hamburg „Ambulante Sozialpsychiatrie“ genannten ambulanten Betreuung und Wiedereingliederung von psychisch erkrankten Menschen ist das Anliegen dieses Kreises. Der Verein Genesungsbegleitung und Peerberatung Hamburg e.V. ist Mitveranstalter dieser Veranstaltungsreihe.

In einem großen Plenum wurden die Forderungen des Ini-Kreises auf dem Podium diskutiert. Um 11:30 Uhr trug Dr. Rudolf Heltzel unter dem Titel „Gemeindenahe Beziehungsarbeit mit „schwierigen“ Menschen. Die Sicht des Sektorpsychiaters und des Supervisors“ einen sehr interessanten und lebendigen Aspekt seiner Arbeit vor. Er hob hervor, wie wichtig Beziehungsarbeit ist, um mit Menschen in Kontakt zu kommen und in ihnen etwas zu bewegen.

Nach dem Mittagessen ging es in vier verschiedene Arbeitsgruppen zu den Themen

  • „Schwierige Klient*innen: Wie systembedingte Schwierigkeiten überwunden werden können“
  • „Ausgeschlossen: Sucht!“ Auch abhängige Menschen haben einen Anspruch auf ambulante Hilfen.
  • Zwischen Funktionalität und Professionalität. Zum Stellenwert von Beiehungsarbeit
  • Von der Fürsorge zur Selbstbestimmung – in Autonomie allein gelassen?

In Forum 1 ging es um „„Schwierige“ Klient*innen und wie systembedingte Schwierigkeiten überwunden werden können“

mit Jörg Zart und Angela Roder.

Es wurden hier zuerst die Probleme der Menschen erörtert:

  • Soziale Auffälligkeiten der betroffenen Menschen
  • Können ihren Anspruch nicht selbst vertreten
  • Können ihre Wünsche nicht formulieren
  • Werden als „unbequeme Menschen“ behandelt
  • Möchten ein Recht auf Anonymität und Persönlichkeit haben
  • „Kommstruktur“ schwierig für Menschen, die ihre Wohnung nicht verlassen können
  • Keine aufsuchende Hilfe

Danach wurden die Strukturprobleme erarbeitet:

  • Keine passgenauen Hilfen für die Menschen
  • Fehlende Flexibilität im Umgang mit den Menschen
  • Folgeangebote fehlen
  • Fachliche Defizite der Mitarbeiter
  • Konflikte austragen zwischen Träger und Behörde
  • Überlastungsanzeigen der Träger
  • Prekäre finanzielle Bedingungen
  • Fehlende Anreize diese Menschen zu betreuen (Rosinen herauspicken)
  • Personal und Wohnformen fehlen
  • Weniger Intensivbetreuung der Menschen

Hieraus wurden folgende Forderungen formuliert:

  • Bedingungsloses Antragsverfahren und Hilfeleistung
  • Mehr Zeit für den Menschen
  • Versorgungsverpflichtung durch den Träger
  • Berufsbegleitende Qualifikation der Mitarbeiter
  • Einbeziehung und angemessene Bezahlung von Genesungsbegleitern
  • Kooperationen in der Versorgung
  • Fachliches Konzept entwickeln für Einbeziehung ausgegliederter Menschen durch ASP
  • Barrierefreie Erstbewilligung für 1/2 Jahr
  • Sozialgutachten statt medizinisches Gutachten
  • Koordinationsauftrag der Behörde
  • Gegenfinanzierung der Koordination
  • Finanzierung „maßgeschneiderter“ Hilfen ab Antragstellung
  • Vernetzung der Systeme „Psychose und Sucht“; „Lerneinschränkungen“;“ Pflege“
  • Aushandeln der Ziele in der GPK
  • Regionalisierung der Hilfen (Menschen nicht in anderen Bundesländern unterbringen)
  • Mehr Fortbildungen (Entstigmatisierung)

Kurze Zusammenfassung aus Forum 2 - Thema:

„Ausgeschlossen: Sucht“ - Auch abhängige Menschen haben einen Anspruch auf ambulante Hilfe.

Moderatoren waren: Tim Fiks ASP und Ingo Vogel Betreuer

Das Forum war von der Personenzahl das kleinste (mit Moderatoren um die 12 Personen)

Zwei Mitarbeiter aus der Suchthilfe haben geholfen in das Thema zu finden. Es war schnell klar dass das Grundproblem die behördliche Trennung von Ambulanter Unterstützung bei Sucht oder bei Psychiatrischen Diagnosen ist. Klienten mit Doppeldiagnosen und Suchtproblematik sind von der Eingliederungshilfe oft kategorisch ausgeschlossen ein Zugang besteht nur im Fall von monatelanger Abstinenz. Da die Doppeldiagnose aber in den Akten vermerkt ist kann es bei Prüfung nach Aktenlage selbst bei erfolgreicher Unterstützung durch die ASP immer zu einer Ablehnung der Verlängerung der ASP kommen. Den Klienten wird der Zugang zu Programmen in der Suchthilfe erschwert da die Finanzierung dieser in der Eingliederungshilfe nicht vorgesehen ist. Für Klienten der Suchthilfe stehen kaum Unterstützungsmöglichkeiten bei Psychiatrischen Problemen zur Verfügung. Beides ist nicht nachvollziehbar, da viele Klienten aus dem psychiatrischen Bereich auch eine Sucht oder Drogenproblematik haben, beides zusammenhängt und somit auch beide Schwerpunkte gleichzeitig behandelt werden müssten. Es wurde überlegt das Gesundheitscentren die in den Stadtteilen verankert sein könnten, so eine übergreifende Behandlung bieten. Auch wurde klar dass eine kreative und flexible Behandlung gerade bei diesem Klientel eigentlich unabdingbar ist und sich immer an dem einzelnen Menschen orientieren muss.

In Forum 3 ging es mit Dr. Rudolf Heltzel und Herrn Jan-Christian Wendt-Ahlenstorf um das Thema Beziehungsarbeit.

In einer großen Runde wurde angeregt und teilweise auch engagiert darüber diskutiert, wie Beziehungsarbeit, die ein Menge an Zeit benötigt, in der momentanen Situation der ASP gestaltet werden kann. Schnell wurde klar, dass die S.M.A.R.T-Ziele (Spezifisch, messbar, akzeptiert, Realistisch, Terminiert) mit ihren kurzfristig zu erreichenden Zielen dem manchmal im Wege stehen. Viele Klienten haben aber weder irgendwelche Ziele oder wissen nicht was hier mit Zielen gemeint sein soll. Der Verdacht kam auf, dass auch viele Ziele den Klienten förmlich in den Mund gelegt würden.

Für den Druck verantwortlich ist, dass die Behörde Ergebnisse sehen möchte, an denen sie Erfolge messen kann (Das M in SMART steht für „messbar“ – Anmerkung des Autors: Messbar im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen widerspricht sich meiner Meinung nach). Eine Forderung hieraus war unter Anderem, dass die Behörde sich von den Zielen abwendet und mehr die Kontaktpflege und Beziehungsarbeit in den Mittelpunkt stellt.

In Forum 4 wurde über die in der Vorbereitung aufgestellten Forderungen diskutiert und evaluiert, ob diese von der Allgemeinheit getragen werden (können).

Besonderes Augenmerk wurde auf den Punkt „Selbstbestimmung“ gelegt. Der Kernsatz aus diesem Forum lautet:

Selbstbestimmung heißt also: mehr Selbstsorge und mehr Solidarität, also ggf. mehr Unterstützung - nicht weniger.

Weitere Forderungen dieses vierten Forums waren

  • Die Wohnungslosenhilfe in der ASP zu ermöglichen
  • Suchterkrankungen, die teils von psychischen Erkrankungen (mit-)verursacht wurden, nicht auszuklammern.
  • Finanzierung niedrigschwelliger Präventionsangebote
  • Präventionsleitungen auch aufsuchend anbieten
  • Übergänge vom Krankenhaus und die ASP beschleunigen

Die anschließende Podiumsdiskussion im Plenum mit drei Vertretern politischer Parteien war geprägt vom Wahlkampf. In Hamburg finden am 23. Februar Wahlen statt.

politik 

Herr Celik - die Linke, Herr Gwosdz - Bündnis 90/Die Grünen, Frau Jeck – SPD

Dabei zeigte sich besonders der Sprecher der Linken Herr Celik sehr engagiert, aufgeschlossen und tatkräftig. Die Vertreterin der SPD fiel besonders durch ihr unkonkretes und durch viele „Ähm“ unterbrochenes Reden auf. Leider zeigte sich auch mal wieder, wie weit manche Politiker von der Realität entfernt sind. Aussagen wie „Davon weiß ich nichts.“ oder „Das muss ich mir erst einmal anschauen.“ gehörtem zum Standardrepertoire des einen oder anderen Parteigenossen. Vertreter von CDU und FDP fehlten komplett.

Das Resümee war denn auch ernüchternd: Wurde der Tag bis zum Podium mit den Politikern noch als sehr gut und mutmachend empfunden, war der Eine oder die Andere vom politischen Diskurs sehr ernüchtert und gar enttäuscht.

Durch die Podiumsdiskussionen führte jeweils Frau Heitmann von der Firma „ah kommunikation“, die das sehr souverän und gut moderierte. Ein kleiner Lichtblick besonders zum Schluß.

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